Meilensteine 1981-2001 Initiativen und Erfolge
20 Jahre für Mieterselbstverwaltung und Selbsthilfe in der Stadterneuerung
Der Arbeitskreis Berliner Selbsthilfeprojekte im Altbau e.V.Der AKS besteht seit 1981 als Interessenvertretung, als Koordinations- und Kooperationseinrichtung selbstverwalteter Wohnprojekte. Getragen wird er gegenwärtig von ca. 35 Hausgemeinschaften von Bewohnern gekaufter oder gepachteter Häuser. Seit 1985 wird eine Geschäftsstelle unterhalten. Zur Bewältigung anstehender Probleme werden themengebundene Arbeitsgruppen gebildet, deren Ergebnisse durch regelmäßige Jour-Fixe, den Rundbrief und die Internetseite www.aks-ev.dezugänglich gemacht werden.
Die wohnungspolitische Arbeit des AKS steht unter dem Motto ,,Wohnen darf nicht Ware sein".
Der Verein fördert eine demokratische, sozialverträgliche, bewohnernahe und ökologische Stadterneuerung. Der AKS sieht Selbsthilfe in der Tradition des genossenschaftlichen, solidarischen Wohnungsbaus stehend. Selbsthilfe bedeutet demnach demokratische Selbstbestimmung der Bewohner und erfordert eine Bewirtschaftungsweise der Häuser, die maximal an den Kosten orientiert ist. Durch bewohnerorientierte Trägerformen wie kleine Genossenschaften, Vereine oder Stiftungen muß langfristig sichergestellt werden, daß diese Voraussetzungen erhalten bleiben.Selbsthilfe erlaubt auch die Weiterentwicklung von gemeinschaftlichen Wohnformen (Wohn- bzw. Hausgemeinschaften), die in anderen Bereichen nicht möglich sind und hat dadurch eine wichtige soziale Funktion. Über partikulare Hausinteressen hinaus treten die Gruppen für die Erhaltung und verantwortliche Mitgestaltung des Quartiers ein. Die ganzheitlich und demokratisch strukturierten Entstehungsprozesse der Projekte schaffen emotionale und ökonomische Bindungen und Grundlagen für weitere Entwicklung in Umfeld und Stadtteil.
In der Anfangszeit des Vereins mußten zunächst die Bedingungen dafür erkämpft werden, daß an sich mittellose Gruppen von Bewohnern mit öffentlicher Förderung ihre Häuser nach ihren Vorstellungen instandsetzen und modernisieren können. Es gelang, ein Modell der AItbau-Sanierungs-Förderung durchzusetzen, das in seinen Grundzügen auf die Strukturen von Selbsthilfegruppen zugeschnitten ist.
Das Modell "Selbsthilfe" ist inzwischen allgemein anerkannt. Über 300 Häuser sind in Selbsthilfe erneuert worden. Nutznießer sind nicht nur die Projektgruppenmitglieder, die ihre Wohnverhältnisse nach ihren Vorstellungen bestimmen konnten, sondern auch Hunderte von Berliner Mietern, die in den Häusern zu unterdurcbschnittlichen Mieten wohnen und viele Menschen, die durch die "weichen" Umgangsformen und Arbeitsstrukturen der Projekte langfristig Beschäftigung fanden und sich so in den Arbeitsprozess integrieren konnten.
Selbsthilfe ist auch zum Modell für eine ökologische Sanierung geworden. Eine Studie mit dem Titel "Ökologischer Stadtumbau in der baulichen Selbsthilfe", in der der AKS die Ergebnisse einer Bestandsaufnahme in 23 Projekten verarbeitet hat, zeigt, daß in den Selbsthilfeprojekten ein sensibilisiertes Umweltbewußtsein vorhanden ist und daß in keinem anderen Bereich der Stadterneuerung jemals so viele ökologische Maßnahmen realisiert worden sind
Ziel der AKS-Arbeit ist es, die Erfahrungen, die von den Projekten bisher gemacht wurden, weiterzugeben und für die gegenwärtig in der Projektkoordination befindlichen Gruppen die bestehenden Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten zu erhalten bzw. zu verbessern. Der Verein unterhält dazu ein Informations- und Koordinierungsbüro, das vielfältige Servicefunktionen für die Gruppen und für andere an Selbsthilfe Interessierte übernehmen kann.
Neue Hausgemeinschaften werden bezüglich der staatlichen Selbsthilfeförderung und allen damit zusammenhängenden Fragen beraten. Während des Sanierungsprozesses und danach entstehen immer wieder spezielle Fragen, Buchhaltungs- und Steuerprobleme, Fragen der Organisation der Selbsthilfe bis hin zu Gruppenproblemen und Fragen der Mietberechnung, bei denen gegenseitige Hilfestellung nötig und förderlich ist. Unterlagen dazu, Gutachten, Erfahrungsberichte, Musterverträge u. a. sind in einem Info-Pool zusammengefaßt, und es existiert eine Kontaktadressensammlung, über die spezielles Know-How abgerufen wird.
Für die baulichen Belange steht eine Werkzeug-, Geräte- und Materialvermittlung zur Verfügung. Wir können unsere Erfahrungen als aktive Selbsthelfer weitergeben und haben darüber hinaus Kontakt zu kompetenten Leuten, die als Fachkräfte, Bauhelfer oder Bauleiter Erfahrung im Selbsthilfebereich haben.
Das Informations- und Koordinationsbüro gibt regelmäßig einen Rundbrief heraus, der wohnungspolitisch Stellung bezieht und über alle Belange der Selbsthilfe berichtet. Der Rundbrief wird kostenlos an alle Berliner Wohnprojekte verschickt. Neuerdings sind die aktuellsten Informationen auch im Internet abrufbar bzw. können effektiv von einzelnen Gruppen den anderen zugänglich gemacht werden.
Als ein wesentlicher Schwerpunkt der Arbeit hat sich in den letzten Jahren neben dem Kampf um die Erhaltung der Selbsthilfeförderung im Altbau die ökologische Stadterneuerung herausgebildet.
Wir sind dabei, auch für diesen Bereich einen Info-Pool auszubauen, der über die Selbsthilfe hinaus auch anderen Nutzergruppen zur Verfügung gestellt wird. Unser Beratungskonzept sieht sowohl die Beratung von Selbsthelfern und Mietern als auch die Weitervermittlung des Wissens und der Erfahrungen in Seminaren, Einzelveranstaltungen und Publikationen vor.
Die Wohnungspolitik steht heute vor immensen Problemen. Zu den Folgen der Fehler der vergangenen Jahre (ungerechtfertigter Abriß guter Altbausubstanz, die Politik der Einführung des Weißen Kreises, die Anhebung der Mieten nach öffentlich geförderter Sanierung, die Einführung des Förderdarlehens in der Selbsthilfeförderung als Stichworte), die zu eklatanten Problemen auf dem Wohnungsmarkt geführt haben, sind die Schwierigkeiten hinzugekommen, die sich aus dem heruntergekommenen Altbaubestand in der ehemaligen DDR ergeben.
Steigende Preise und knappes Angebot an für weite Kreise der Bevölkerung bezahlbaren Wohnungen machen sich auch in unserer Vereinsarbeit bemerkbar. Die Nachfrage nach Mitarbeit in Selbsthilfeprojekten ist seit geraumer Zeit sprunghaft gestiegen. Die Realisierungschancen sind demgegenüber gesunken. In einer Zeit, in der auch die "letzte Hütte" wieder Gewinn erwarten läßt, sinkt die Bereitschaft, Häuser an Projektgruppen zu erträglichen Bedingungen langfristig zu verpachten. Die Hauspreise übersteigen in der Regel die ökonomischen Möglichkeiten der Selbsthelfer in spe. Sind dennoch Hauskäufe getätigt worden, z.B. im Rahmen der Umsetzung von Privatisierungen landeseigener Wohnungsbestände nach dem "Altschuldenhilfe Gesetz" an die Mieter, entstehen riesige Probleme in der Finanzierung der baulichen Sicherung der Gebäude, weil die Kreditrahmen der Projekte zumeist schon ausgeschöpft sind.
Durch die knappen Mittel der jüngeren Vergangenheit bei gleichzeitig steigendem Interesse an der Selbsthilfeförderung hat sich nun eine "Bugwelle" von ca. 100 Projekten gebildet, die bereits im Antragsverfahren stehen oder deren Förderanträge umgehend erwartet werden, die aber nicht in die Förderung gelangen können, wenn die politisch Verantwortlichen nicht Zeichen setzen und die Fördermittel deutlich aufstocken.
Die Gruppen jedenfalls haben erhebliche Aktivitäten entwickelt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Der AKS hat seine Strukturen wieder mit Leben gefüllt: Aktive aus 20 Projekten in Spe arbeiten an neuen Schwerpunkten in verschiedenen Arbeitsgruppen. Die bestehenden Hausprojekte stehen mit ihrem Know-How bereit. Die anstehende Arbeit wird heute wieder von professionellen Kräften ausgeführt. Die Einrichtung von weiteren Stellen wird derzeit erwogen.
Es muß gerade jetzt und weiterhin deutlich gemacht werden, daß die Qualität von Stadterneuerung nicht in zu billigen Preisen weggemeterten Baumaßnahmen besteht, sondern auch und gerade durch die Netzwerke, die mit sozial wirksamen Instrumenten der Förderung gewoben und gepflegt werden können, erst wirklich entsteht
Florian Schöttle
- Aks e.V., Vorstand -