Stadtteilzeitung "VorOrt" im Februar 1999:
Selbsthilfe in Not
    Senat blockiert dringend notwendige Fördermittel 

    Das Förderprogramm "Bauliche Selbsthilfe" steht auf dem Spiel. 1998 wurde sein Volumen um die Hälfte reduziert, in diesem Jahr gibt es noch keine Mittelfreigabe, und Ende 1999 soll es auslaufen. Damit stehen auch Selbsthilfeprojekte in Prenzlauer Berg wie die Fehrbelliner Straße 6 und auch zwei Projekte unserer Genossenschaft vor dem Ruin. Jahrelanges Ringen um ihr Zustandekommen droht umsonst gewesen zu sein. 
    Seit 1991 ist im Bezirk die Sanierung von etwa 35 Gebäuden in baulicher Selbsthilfe gefördert worden. Damit haben sich ca. 1600 Bewohner eine Lebensperspektive im Bezirk sichern können. Gefördert werden Mietergemein- schaften, die ihr Haus erwerben bzw. pachten. Bis zu 40 % der Baukosten erhalten sie als Zuschuß und bis zu 40% als zinsverbilligtes Darlehen. Mindestens 20% müssen durch Eigenleistungen erbracht werden. Das bedeutet, daß die Bewohner über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren 15 bis 20 Wochenstunden auf dem Bau stehen. Die Motivation nehmen sie aus der Chance, selbstbestimmt und dauerhaft preiswert in selbstgewählten Nachbarschaften wohnen zu können. Die Gemeinschaften lassen sich auf über 20-jährige Mietpreis-, Belegungs- und Verkaufsbeschränkungen ein. So können freie Wohnungen vom Bezirk oft auch an sanierungsbetroffene Bürger vergeben werden. 

    Sicherheit für Projekte
    Unsere Genossenschaftsmitglieder haben im Bezirk bisher 7 Häuser in Selbsthilfe saniert. Die Wohnungsbaugesellschaft WIP unterstützt zur Zeit das Anliegen der Hausgemeinschaften Winsstraße 60 und Kolmarer Str.1/ Mühlhauser Str. 4, die ihre Häuser mit der Genossenschaft erwerben und sanieren wollen. Wir stehen kurz vor Kaufvertragsabschluß. Bei der Sanierung dieser Gebäude sind wir jedoch auf öffentliche Mittel angewiesen, wie alle anderen Bewohnerprojekte im Bezirk auch. Und wie alle rund 35 auf eine Förderung wartenden Selbsthilfegruppen in Berlin sind wir davon ausgegangen, daß die Bauliche Selbsthilfe ein Kernprogramm nicht nur der baulichen Erneuerung, sondern der Landespolitik insgesamt ist und daß deswegen auch Programmsicherheit besteht. Die (ehrenamtliche) Vorbereitung eines Projekts dauert immerhin 2 bis 3 Jahre. Ohne Planungssicherheit sind die Projekte nicht   möglich. Viele von uns wohnen bereits zufrieden in selbstsanierten Häusern. Wir lehnen uns aber nicht zurück und sagen: Nun macht mal! 

    Der Stadt zum Nutzen 
    Was unsere und die Arbeit aller anderen Selbsthilfegruppen für Berlin bringt, darf nicht unterschätzt werden. Ökologisches und sozialverträgliches Bauen ist meist mit berufsqualifikatorischen Maßnahmen verbunden. Es entsteht preiswerter Wohn- und   Gewerberaum, der auch an kleine Gewerbetreibende und Sozialprojekte vermietet wird. Unternehmen aus dem Kiez erhalten dringend benötigte Aufträge, und Steuerzahler, vor allem Familien, die sonst ins Umland abwandern würden, bleiben in der Stadt. In vielen Projekten kommt nach Beendigung der Selbsthilfe auch der Babyboom. Bei uns wohnen und arbeiten Bürger aus acht verschiedenen Nationen. 
Die Sicherung des Programms sollte also nicht allein im Interesse der Bau-, sondern auch der anderen Fachverwaltungen liegen. Es ist ein integriertes Strukturprogramm. In diese Richtung geht doch auch das Bestreben der Landesregierung, die Kieze durch Quartiermanagement sozial zu stabilisieren. Aber anstatt über eine weitere Optimierung des Förderprogramms nachzudenken, wird derzeit nur gestrichen. Für 1999 gibt die Finanzverwaltung noch keine Fördermittel frei, weil der Bausenat die geforderte überarbeitete Richtlinie "Soziale Stadterneuerung" noch nicht vorgelegt hat. Also gibt es auch keine Fördermittel für bauliche Selbsthilfe. Probleme der Verwaltung werden auf unserem Rücken ausgetragen. Wir können die Situation so nicht hinnehmen. Wir fordern die Politik auf, unsere Forderung nach Sicherheit und
    des Förderprogramms zu unterstützen. Wir sind zu jedem Dialog bereit, in dem es um einen noch effektiveren Mitteleinsatz geht. 
    Ute Großmann, Peter Weber, 
    Mietergenossenschaft SelbstBau e. G. 

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