Pressestimmen
TAZ v. 31.5.2002
von UWE RADA
Selbsthelfer und Wohnungsgenossen dürfen wieder hoffen. In den Verhandlungen um den Doppelhaushalt 2002/2003 hat die PDS der SPD einen Teilerfolg abgetrotzt. Entgegen der Vorlage von Finanzsenator Thilo Sarrazin soll die Förderung der baulichen Selbsthilfe und der Wohnungsgenossenschaften nun doch fortgesetzt worden. Dies erklärte der PDS-Fraktionschef Harald Wolf im Interview mit der taz: "Nach den Vorgesprächen sieht es so aus, als ob wir da eine Lösung finden." Heute beginnt im Hauptausschuss die zweite Lesung des Etats von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD).
Die Vereinbarung, sagte Wolf weiter, betreffe zumindest jene Genossenschaften, die schon im letzten Jahr in Gründung waren. Bei der baulichen Selbsthilfe müssen sich die Selbsthelfer allerdings auf eine "genauere Überprüfung der Förderwürdigkeit" einstellen. Die öffentliche Förderung der Altbausanierung wird dagegen nicht mehr fortgesetzt. Harald Wolf: "Das ist schmerzlich, wie vieles in diesem Haushalt schmerzlich ist."
Trotz der Einsparungen im Bereich Bauen und Wohnen betonte der PDS-Fraktionschef, dass das Thema "soziale Stadterneuerung" für seine Partei weiterhin hohe Priorität habe. "Eine Politik, die sagt, die Innenstadt und die Altbauquartiere sind den Besserverdienenden vorbehalten, und die sozial Schwachen sollen in die Großsiedlungen ziehen, ist für mich nicht akzeptabel".
Mit dieser Aussage wendet sich Wolf vor allem gegen Bausenator Peter Strieder, der gesagt hatte, wer sich die teuren Mieten in der Innenstadt nicht leisten könne, solle in eine der vielen leer stehenden Wohnungen ziehen. Anders als Strieder plädiert Wolf auch für die weitere Gültigkeit der Mietobergrenzen und anderer "sanierungsrechtlicher Genehmigungsvorbehalte."
Er räumte allerdings ein, dass es in diesem Punkt einen Dissens mit dem Koalitionspartner gebe: "Das wird ein Thema sein, das wir in der Koalition noch austragen müssen."
Im Zusammenhang mit dem geplanten Abriss von 3.000 Wohnungen in Berlin sprach sich der Haushaltspolitiker der PDS gegen eine reine Kahlschlagpolitik aus. Das Bundesprogramm "Stadtumbau-Ost" ermögliche nicht nur eine Förderung des Abrisses, sondern auch eine städtebauliche Aufwertung. "Das heißt, es wird - wenn auch verlangsamt - in den Großsiedlungen weiterhin Sanierung geben."
Interview UWE RADA
taz: Herr Wolf, Wissenschaft und Bildung gelten in der rot-roten Koalition als Prioritäten. Der Bereich Wohnen und Bauen offenbar nicht mehr.
Harald Wolf: Doch. Das Thema soziale Stadtentwicklung ist nach wie vor ein wesentliches Thema in dieser Koalition. Gleichzeitig gibt es auch erheblichen Reformbedarf. So sind in den letzten zehn Jahren im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, aber auch bei der Stadterneuerung erhebliche Summen ausgegeben worden. Deshalb ist da auch der Konsolidierungsdruck besonders hoch.
Im Haushaltsentwurf zum Ressort Stadtentwicklung sind die bauliche Selbsthilfe und auch die Genossenschaftsförderung nicht mehr vorhanden. Hat das nichts mit sozialer Stadtentwicklung zu tun?
Das war ein Entwurf. Wir haben von Seiten der PDS in den Haushaltsberatungen darauf gedrängt, dass sowohl die Genossenschaften als auch die bauliche Selbsthilfe wieder berücksichtigt werden.
Mit Erfolg?
So wie es derzeit aussieht, ja. Nach den Vorgesprächen sieht es so aus, als ob wir da eine Lösung finden. Zumindest für die Genossenschaften, die schon im letzten Jahr in der Gründung waren. Das Gleiche gilt auch für die bauliche Selbsthilfe, sodass auch da weiter eine Förderung stattfinden kann. Zwar mit einer genaueren Überprüfung der Förderwürdigkeit im einzelnen, aber das Programm wird nicht, wie vorgesehen, eingestellt.
Wo hat die PDS in den Verhandlungen zum Stadtentwicklungsetat Niederlagen hinnehmen müssen? Die öffentlich geförderte Altbausanierung ist ja gestrichen.
Das ist schmerzlich, wie vieles in diesem Haushalt schmerzlich ist. Die entscheidende Frage wird sein, wie man den Wegfall der Steuerungsmöglichkeiten durch die öffentliche Förderung ausgleicht. Da geht es um die Frage der sanierungsrechtlichen Genehmigungsvorbehalte. Da geht es auch um eine schärfere Kontrolle der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Und natürlich um das neuralgische Thema Mietobergrenzen.
Da hat Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) seine Position ja schon kundgetan. Wer sich höhere Mieten nicht leisten könne, sagt er, müsse eben wegziehen. Schließlich stünden genügend Wohnungen leer.
Das halte ich für eine falsche Position. Wir müssen auch auf die soziale Mischung in der Innenstadt achten. Eine Politik, die sagt, die Innenstadt und die Altbauquartiere sind den Besserverdienenden vorbehalten, und die sozial Schwachen sollen in die Großsiedlungen ziehen, ist für mich nicht akzeptabel.
Auf der einen Seite streicht man die öffentliche Altbausanierung, auf der anderen bleibt das Quartiersmanagement unangetastet. Wird da auch mit der PDS eine Politik betrieben, die nicht mehr an den Ursachen ansetzt, darunter auch den Mietpreisen, sondern nur noch an den Symptomen kuriert?
Es kann keine sinnvolle Strategie sein, da nur nachsorgend tätig zu werden. Deshalb müssen die Ordnungsinstrumentarien gestärkt werden. Dann bin ich auch der Meinung, dass Strieder seine restriktive Position zu den Mietobergrenzen aufgeben muss. Das wird ein Thema sein, das wir in der Koalition noch austragen müssen. Das war in den Koalitionsverhandlungen ja durchaus kontrovers.
Kippt die PDS bei den Mietobergrenzen ähnlich um wie beim Alexanderplatz?
Nein. Wir sind auch beim Alexanderplatz nicht umgekippt. Da waren die städtebaulichen Verträge im Wesentlichen abgeschlossen. Zu einer Reduktion der Planung hätte man nur im Einvernehmen mit den Investoren kommen können.
Der Bausenator will den Alexanderplatz zum größten Einzelhandels- und Bürostandort Berlins machen. Hat Berlin, auch mit einer rot-roten Koalition, noch immer nichts aus den überzogenen Wachstumserwartungen der letzten zehn Jahre gelernt? Diese Erwartungen haben das Land immerhin in die Pleite getrieben.
Am Alexanderplatz werden sich die Investoren wesentlich am Umbau, auch an den öffentlichen Infrastrukturinvestitionen, beteiligen. Ich selbst mache keinen Hehl daraus, dass ich die Alexanderplatzplanung immer schon für überzogen gehalten habe. Ich glaube auch, dass sich dieses Angebot an Dienstleistungsfläche über lange Zeit wirtschaftlich nicht darstellen lässt. Insofern gehe ich davon aus, dass die Investoren, wenn sie ihre Investitionen denn in den nächsten Jahren anpacken, das auch nur im Bereich der Sockelgeschosse tun.
Der Berliner PDS-Vorsitzende Stefan Liebich hat gesagt, die PDS müsse in der Koalition die Meinungsführerschaft erringen. Wenn man sich den Bereich Stadtentwicklung anschaut, kann davon keine Rede sein. Sie haben sich mit den Genossenschaften und der Selbsthilfe durchgesetzt, aber städtebaulich, auch am Alex, gibt nach wie vor Senatsbaudirektor Hans Stimmann den Ton an.
Für die Planwerksphantasien von Hans Stimmann gibt es immer weniger finanziellen Spielraum. Da ist ja auch in der Koalitionsvereinbarung ein entsprechender Vorbehalt.
Nennen Sie uns ein Beispiel?
Beim Spittelmarkt bin ich mit dem Finanzsenator einer Meinung. Dieser Umbau ist, wie ich meine, eine finanziell illusionäre Veranstaltung. Aber es gibt auch außerhalb der städtebaulichen Fragen wichtige Themen. Zum Beispiel die, wie man eine Sanierungsperspektive für die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften hinbekommt.
In Berlin denkt man über den Abriss von 3.000 Wohnungen nach. Ginge es nach dem Bausenator, würde man vor allem in Marzahn abreißen. Wie sieht da die Position der PDS aus?
In klar definierten und begrenzten Fällen wird es sicherlich Abrisse und Rückbau geben. Aber das Programm Stadtumbau Ost, das wir als Land kofinanzieren, ermöglicht nicht nur die Förderung des Abrisses, sondern auch städtebauliche Aufwertung. Das heißt, es wird, wenn auch verlangsamt, auch in den Großsiedlungen weiterhin Sanierung und Aufwertung stattfinden.
taz Berlin lokal Nr. 6762 vom 31.5.2002, Seite 23, 201 Zeilen (Interview), UWE RADA
Tagesspiegel v. 4.5.2002
Kein Geld mehr für privaten Wohnraum |
| Senat streicht Förderungen für zahlreiche Wohnprojekte, in denen sich Anwohner in ihrem Kiez engagiert haben |
| Bernd Hettlage |
| Die Anklamer Straße liegt am Rand des ehemaligen Bezirks Mitte. Vom Glanz der
Hackeschen Höfe ist bis hier noch nicht viel gedrungen. Das Haus in der Nummer 12 ist
dringend sanierungsbedürftig - und das schon seit Jahren. Im Vorderhaus stehen zwei
Etagen leer. Der Seitenflügel ist vom Hausschwamm befallen und baupolizeilich gesperrt.
Annegret Liebscher-Tauber hebt den Kopf, ihr Blick wandert die Fassade entlang. Einen
Schlüssel für das Gebäude hat sie nicht, obwohl sie es mit einer Gruppe von zehn
Gleichgesinnten seit drei Jahren kaufen, sanieren und bewohnen möchte. Bezahlbaren Wohnraum und Platz für Familien mit Kindern wollen sie schaffen, für sich und die übriggebliebenen Mieter - der Traum von der Hausgemeinschaft, vom selbstbestimmten Wohnen im angestammten Kiez. Er ist geplatzt, obwohl der Kaufvertrag mit dem Eigentümer, der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, nach langem Hin und Her endlich unterschriftsreif ist. Auch die Finanzierung steht, und dieses Jahr hofften sie auf Sanierungsförderung durch das Programm "wohnungspolitische Selbsthilfe". Denn ohne gesichertes Sanierungskonzept ist das Projekt für die Gruppe nicht zu machen und die Bank würde die Darlehen zum Kauf des Hauses nicht freigeben. Doch Anfang April erreichte sie die schriftliche Absage der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Wegen der "drastischen Verschlechterung" der Haushaltslage sehe sich das Land nicht mehr in der Lage, die wohnungspolitische Selbsthilfe fortzuführen. Doch nicht nur das: Gestrichen sind alle "bisherigen Förderkonzepte im Bereich der Modernisierung und Instandsetzung von Wohnraum", so die Staatssekretärin Bauen und Wohnen, Ingeborg Junge-Reyer, in einem Schreiben an den Arbeitskreis Berliner Selbsthilfeprojekte (AKS). Der Senat verfahre künftig in seiner Städtebauförderung nach dem Grundsatz "öffentliches Geld für öffentliches Eigentum, privates Geld für privates Eigentum". Es gebe keine Investitionen mehr in Wohnungen im privaten Bereich, bekräftigt Junge-Reyer gegenüber dem Tagesspiegel, sondern nur noch im öffentlichen Raum. Von den Streichungen betroffen sind nicht nur die Selbsthilfe und Hauseigentümer in Sanierungsgebieten, die bisher über die soziale Stadterneuerung Modernisierungsförderung bekamen. Im Doppelhaushalt für das Jahr 2002 / 2003 sind auch keine Mittel mehr für den Bestandserwerb durch Mieter vorgesehen. Auf Null gefahren ist überdies die Förderung eigentumsorientierter Wohnungsbaugenossenschaften. Damit bricht die SPD / PDS-Regierung sogar ihre eigene Koalitionsvereinbarung (siehe Kasten links). Zumindest die Selbsthilfe hatte Bausenator Peter Strieder im Juni 2001 noch "unverzichtbar" genannt. Gemeinsam entwickeln Werner Druskat vom gemeinnützigen Sanierungsträger L.I.S.T. findet das auch: "Berlin hat mit der Selbsthilfe seit 20 Jahren ein gutes Programm." Leute, für die das sonst nicht möglich wäre, könnten dadurch Wohnraum erwerben und selbst darin wohnen. Druskat ist Quartiersmanager in der Soldiner Straße in Wedding. Die Selbsthilfe, sagt er, sei gerade in schwierigen Gebieten wichtig für Strukturveränderungen: "Das Problem als Quartiersmanager ist doch, dass man zusammen mit den Anwohnern den Kiez entwickeln will, aber meist auf Lethargie trifft." Die Selbsthilfe fördere dagegen Eigenaktivität. Das Programm heißt deshalb so, weil die Interessenten zu den Sanierungsbeihilfen die Auflage erhalten, 20 Prozent durch Eigenleistung zu erbringen. "Das kriegt man ja nicht geschenkt", sagt Druskat, "die müssen arbeiten und viel Freizeit dafür hergeben." So etwas verändere den Kiez. Denn diese Menschen würden anschließend auch bleiben und sich aktiv an der Verbesserung ihres Wohnumfeldes beteiligen. Die "wohnungspolitische Selbsthilfe" gibt es seit 1981. Damals war sie auch ein Instrument zur Befriedung der Hausbesetzerszene. "Von der Straße zur Schubkarre" hieß die Parole. Seitdem haben über 300 Häuser das Programm durchlaufen. In den 90er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Förderung von Kreuzberg in den Osten Berlins. Befördert durch das Programm entstanden dort eine Reihe kleinerer Genossenschaften. Zudem gründeten Mietergemeinschaften Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) und kauften ihre Häuser selbst. Doch während 1990 noch bis zu 85 Prozent der förderungsfähigen Kosten den Sanierern vom Senat geschenkt wurden, mussten sie zuletzt die Hälfte davon als Kredit aufnehmen. Außerdem wird über die Fortführung des Programms schon seit drei Jahren debattiert. Beides führte dazu, dass immer mehr Hausgemeinschaften und Gruppen ihre Projekte aufgaben, bevor es zu einer Förderung kam. Gemeinnützige Träger wie L.I.S.T. sprangen ein. Auf der diesjährigen Liste stellen sie allein zwölf von 19 Antragstellern. Nur fünf davon sind Mietergemeinschaften, die ihre Häuser kaufen und selbst bewohnen wollen. Was beim Senat zu dem Argument führt, es gebe die Zielgruppe des Programms ja gar nicht mehr. Doch die, sagt man beim Arbeitskreis Selbsthilfe, bliebe eben weg, weil die Bedingungen nicht mehr stimmten. Diskutiert wird derzeit ein Stiftungsmodell. Man müsse auch prüfen, sagt Weber, ob man nicht Gelder vom Bund bekommen könnte. Der bietet zum Beispiel eine 50-prozentige so genannte Komplementärfinanzierung für soziale Wohnraumförderung an. Das bedeutet aber, dass die andere Hälfte wieder vom Senat kommen muss. Doch die Gelder von Bund und Land brauche man ja nur für den Aufbau des Stiftungsstocks, sagt Weber: "Später fließen sie durch die Darlehensrückzahlung der Projekte." Das bedeute jedoch: Hilfe könne es künftig nur noch als Darlehen geben. Unabhängig von solchen Überlegungen fordert Werner Druskat von L.I.S.T. jetzt zumindest "Vertrauensschutz" für die Projekte, die schon Anträge gestellt haben. Darunter ist zum Beispiel die Kreutziger Straße 18 / 19 in Friedrichshain, ein ehemals besetztes Haus, "denen es mit Zähigkeit nach Jahren endlich gelungen ist, den Eigentümer in den USA ausfindig zu machen und zum Verkauf zu bewegen." Doch Staatssekretärin Junge-Reyer macht da keine Hoffnung: "Wer jetzt einen Antrag stellt, bekommt keine Bewilligung mehr - das gilt auch für die Selbsthilfe." Der Senat habe aus dem laufenden Programm sowieso noch erhebliche Kosten zu tragen: allein 22,5 Millionen Euro bei Zuschüssen zu Sanierungsmaßnahmen. Die Oppositionsparteien verteidigten am 24. April im Hauptausschuss bei der ersten Lesung über den Doppelhaushalt 2002 / 2003 die Selbsthilfe vehement. Das Thema ist jetzt erst einmal bis zur zweiten Lesung zurückgestellt. |
| Tagesspiegel NR. 16594 VOM 02.02.1999 SEITE 014 Die Löcher in der Kasse sind bald größer als die im Dach.
VON LARS VON TÖRNE PRENZLAUER BERG. "Alles wird gut!" hat jemand an die Tapete in einem Zimmer des baufälligen Hauses in der Oderberger Straße geschrieben. Für Stefanie Manseck und Angi Meyer erscheint der Spruch an der Wand ihres Hauses wie Ironie. Daß alles gut wird, daran glauben die beiden Studentinnen und ihre Mitstreiter seit einigen Wochen nicht mehr. Noch vor kurzem schien es, als sei für die 25 Leute im Alter von 27 bis 40 ein Traum in Erfüllung gegangen. Der Traum vom eigenen Haus in Prenzlauer Berg, renoviert aus eigener Kraft und gefördert mit Geld aus einem Senatsprogramm. Doch der erhoffte Zuschuß fiel den Kürzungen zum Opfer. Nun ist ihr Ziel plötzlich wieder in weite Ferne gerückt Vor etwa zwei Jahren gründeten die beiden jungen Frauen und 23 andere Leute eine Selbsthilfegruppe. Elf von ihnen legten ihr Geld inklusive Erbschaften und Zuschüsse der Eltern zusammen, nahmen Kredite bei Banken auf. Nach ausführlichen Beratungen mit der Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung, S.T.E.R.N., die als Mittler zwischen solchen Projekten und der Bauverwaltung fungiert, kaufte die Gruppe im Juli ein altes Mietshaus in Prenzlauer Berg. Daß es vergammelt und größtenteils unbewohnbar war, nahmen die jungen Leute in Kauf. Die Gruppe besteht aus Handwerkern, Architekten, Studenten und Arbeitslosen, und gemeinsam wollten sie das fünfgeschossige Haus in zwei, drei Jahren aus eigener Kraft bewohnbar machen. Das dafür nötige Geld sollte zum großen Teil aus einem Selbsthilfeförderprogramm kommen, das bisher in ähnlichen Fällen stets drei Viertel der Kosten getragen oder als günstiges Darlehen vorgeschossen hatte. Die Gruppe verließ sich - wie viele andere vor ihnen - auf mündliche Zusagen, die ihnen über den Sanierungsträger von der Bauerwaltung gemacht worden seien. Doch vor wenigen Wochen kam die Hiobsbotschaft: Die Bauverwaltung teilte mit, daß die in mündlichen Vorverhandlungen angekündigte Selbsthilfeförderung nicht gewährt werden könne. Obwohl sich die Zahl der Antragsteller für das Förderprogramm im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt hat, wurden die Mittel für Anträge aus dem vergangenen Jahr gekürzt. Die bisher übliche Umwidmung von nicht benötigten Geldern aus anderen Verwaltungsbereichen wurden von der Senatsfinanzbehörde unterbunden. Die jetzt veranschlagten knapp 30 Millionen Mark des Förderprogramms reichen nicht mehr für alle Häuser, die einen Antrag auf öffentliche Fördermittel gestellt hatten. Die jungen Hausbesitzer aus der Oderberger Straße standen mit leeren Händen da. Die Gruppe um Stefanie Manseck und Angi Meyer ist unterdessen nur ein Fall von vielen, die nach Angaben der Sanierungsexperten von S.T.E.R.N. durch die Kürzungen in der Klemme stecken. Etwa 22 ähnliche Projekte aus Prenzlauer Berg, Mitte oder Friedrichshain warten derzeit nach Auskunft von S.T.E.R.N.-Mitarbeiter Matthias Bernatzky auf finanzielle Hilfe der Stadt. Nach einer ersten Prüfung der Häuser sei ihnen von der Bauverwaltung signalisiert worden, daß sie mit Fördergeldern rechnen dürften. In der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg hat eine Gruppe junger Leute im vergangenen Sommer das Haus gekauft, in dem sie zum Teil schon seit Jahren wohnen. Auch hier war geplant, die nötige Sanierung mit Hilfe von Fördergeldern zu beginnen, wie einer der Bewohner, der gelernte Tischler Stephan Mauersberger, berichtet. "Wenn wir jetzt keine Gelder bekommen, wird es verdammt schwierig, das Haus zu halten", sagt er. Das Gebäude sei teilweise in sehr schlechtem Zustand, es regne durchs Dach. Lange hielten es die Bewohner in dem notdürftig hergerichteten Haus nicht mehr aus, sagt Mauersberger. "Wenn die Sanierung nicht bald beginnt, werden hier Sozialfälle produziert." Seitens der Bauverwaltung werden die Angaben der Hausbesitzer bestätigt. Das 1999 für die Selbsthilfeförderung vorgesehene Geld werde vollständig für bewilligte Projekte aus den vergangenen Jahren benötigt, für neue Bewerber gebe es keine Mittel mehr. Die Verantwortung liege allerdings bei der Finanzverwaltung, sagt der zuständige Referent, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Die Selbsthilfeförderung ist der Finanzsenatorin zu teuer", sagt der Beamte. In den Jahren vor 1998 sei regelmäßig soviel Geld aus anderen Förderbereichen "umgetopft" worden, daß genug Sanierungsbeihilfen für alle Antragsteller zur Verfügung standen. Durch die jüngsten Sparvorgaben der Finanzbehörde sei es jetzt erstmalig zu einem "Stau" der Förderanträge gekommen. Jetzt würden vorrangig diejenigen Häuser versorgt, deren Förderverträge im vergangenen Jahr schon unterschriftsreif waren. Neue Anträge wie der aus der Oderberger Straße hätten daher vorerst keine Chance. Die Besitzer des maroden Hauses könnten frühestens im Jahr 2000 mit einem Fördervertrag rechnen - wenn überhaupt. Denn da die bisherigen Förderrichtlinien Ende 1999 ausliefen und zudem die Berliner Abgeordnetenhauswahl ihre Schatten vorauswerfe, so der Referent, "wird die Unsicherheit für viele Projekte wohl bis über das Jahr 2000 hinaus anhalten". Der Ärger der Gruppe aus der Oderberger Straße konzentriert sich nun auf die Finanzverwaltung und deren Chefin, Annette Fugmann-Heesing: "Die Finanzsenatorin wälzt die Kürzungen auf diejenigen ab, die keine Lobby haben und sich nicht wehren können", sagt Stefanie Manseck. "Denen ist gar nicht klar, daß sie damit nicht nur unsere Träume zerstören, sondern auch ein wichtiges Selbsthilfeprojekt kaputt machen, mit dem die Häuser in der Innenstadt erhalten werden." Jetzt geht die Gruppe an die Öffentlichkeit, um auf ihr Dilemma aufmerksam zu machen. Die bündnisgrüne Abgeordnete Barbara Österheld, Mitglied im Bauausschuß des Abgeordnetenhauses, hat sich ihrer Sache angenommen und eine parlamentarische Anfrage zu den fehlenden Fördergeldern gestellt. Bausenator Jürgen Klemann (CDU) hat noch nicht geantwortet, aber aus seiner Verwaltung ist zu hören, er wolle sich für eine Erhöhung der Gelder für die bauliche Selbsthilfe einsetzen. "Das läßt uns hoffen", sagt S.T.E.R.N.- Mitarbeiter Bernatzky. Die Gruppe aus der Oderberger Straße ist weniger optimistisch. Ursprünglich wollten sie in diesem Frühling damit beginnen, das Haus wieder bewohnbar zu machen, erzählen Stefanie Manseck und Angi Meyer. Daraus wird jetzt vorerst nichts. "Wir stehen total unter Druck", sagt Manseck. "Weil wir all unser Geld in den Kauf gesteckt haben, ist nichts mehr für die Sanierung übriggeblieben. Wenn wir jetzt keine Fördergelder bekommen, wird das Haus weiter verrotten." Sollten die städtischen Fördergelder tatsächlich erst im Jahr 2000 oder später bewilligt werden, sagen die beiden jungen Frauen, "dann müssen wir unser Haus wieder verkaufen - und unseren Traum begraben." |
taz, die tageszeitung vom 12.2.99 Ruin oder Ruine: Selbsthelfer stehen vor der Qual der Wahl Die Bauverwaltung will mehr Fördergelder für Selbsthilfesanierer Zwei Kastanien stehen auf dem engen ersten Hof, der zweite Hof, der sich zu den verschachtelt angrenzenden Nachbargrundstücken öffnet, ist "seit kurzem autofrei", wie Tobias Perlick, Bewohner der Schwedter Straße 5 in Prenzlauer Berg, stolz berichtet. Ein erster Erfolg, den die Hausbewohner durchsetzen konnten, weil sie seit Sommer 1998 Eigentümer des Gebäudes sind. Vorerst zwölf Mieter haben sich zusammengeschlossen und den maroden Altbau von der
landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft in Prenzlauer Berg (WiP) gekauft. Doch der Traum,
über eine Sanierung mit Hilfe des Selbsthilfeprogramms die gewachsenen Struktur und
erhaltenswerte Vielfalt der Bewohnerschaft" zu erhalten, droht nun zu platzen. Da die
Finanzverwaltung eine Mittelaufstockung für das Selbsthilfeprogramm
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